Sonntag, 14. Mai 2017

Waldbühne sigmaringendorf

Waldbühne Sigmaringendorf

Der Eingang der Waldbühne Sigmaringendorf
Karte: Deutschland
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Waldbühne Sigmaringendorf
Deutschland
Die Waldbühne Sigmaringendorf ist eine Freilichtbühne auf dem Gebiet der Gemeinde Sigmaringendorf im oberen Donautal. Die Bühne wird hauptsächlich für Amateurtheateraufführungen genutzt, aber auch KonzerteFreilichtkinodarbietungenGottesdienste und andere Veranstaltungen finden dort statt. Betrieben wird die Bühne vom gleichnamigen Theaterverein Waldbühne Sigmaringendorf e. V., es bestehen Mitgliedschaften im Bund Deutscher Amateurtheater über den Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg und im Verband Deutscher Freilichtbühnen. Die Sigmaringendorfer Waldbühne ist die einzige Freilichtbühne im Landkreis Sigmaringen.[1]

Inhaltsverzeichnis

LageBearbeiten

Die Freilichtbühne liegt am südlichen Ortsrand von Sigmaringendorf in einer ehemaligen Kiesgrube und ist nach Süden, Osten und Norden von Wald umgeben. Westlich führt die Kreisstraße 107 von Sigmaringendorf nach Rulfingen an der Bühne vorbei und bildet gleichzeitig die Zufahrtsstraße zur Waldbühne. Die Bühnenanlage liegt oberhalb der Mündung der Lauchert in die Donau, der Donauradweg führt direkt an der Anlage vorbei.[2]

GeschichteBearbeiten

Die Geschichte der Sigmaringendorfer Waldbühne begann mit dem Beschluss zum Bau einer Freilichtbühne durch die Vorstandschaft des Sigmaringendorfer Theatervereins am 29. April 1928. Der Verwirklichung gingen jedoch bereits einige Jahre der Planung und eine lange Tradition der Liebe zu Theater und Literatur unter den Sigmaringendorfer Bürgern voraus.[3] Die Bühne gehört zu den ältesten Freilichttheatern Baden-Württembergs.[4]

VorgeschichteBearbeiten

Einladung zur Turandot-Aufführung 1847
Die Waldbühne im Spieljahr 2006
Am 9. November 1844 schlossen sich 15 Einwohner der Gemeinde Sigmaringendorf, unter ihnen der damalige Schulmeister Plazidus Rebholz zum Bürger- und Leseverein zusammen, dessen offizielle Gründung mit 38 Mitgliedern am 5. Januar 1845 erfolgte. Den Zweck des Vereins umschrieben die Gründer so:
„eine Anzahl Bürger zu einem geschlossenen Kreise zu vereinigen, in welchem sie sich gegenseitig durch Gedankenaustausch und Lesen guter Schriften und Bücher unterhalten, ihr Wissen klären und erweitern und dadurch Kultur, Gewerbe und Landwirtschaft befördern wollten“
– Vereinsstatuten des Bürger- und Lesevereins Sigmaringendorf
Die Chronik der Gemeinde Sigmaringendorf berichtet aus den Jahren 1847 und 1848 von Aufführungen einer aus dem Bürger- und Leseverein hervorgegangenen „ledigen Liebhaber-Theater-Gesellschaft“, die unter anderem Schillers Turandot auf die Bühne brachte. Von weiteren Theateraktivitäten wurde verstärkt ab 1895 berichtet, als mehrere Saalstücke aufgeführt wurden. Aus dem Ensemble entstand 1896 der Theaterverein Sigmaringendorf, der spätere Gründer- und Trägerverein der Waldbühne. Gespielt wurden während der Winterzeit hauptsächlich Heimat- und Rührstücke sowie Klassiker. Die Chronik berichtet auch von Gastspielen in Sigmaringen und Meßkirch. Der Bürger- und Leseverein bestand parallel weiter, ab 1902 allerdings nur noch als „Leseverein“, bis die vereinseigene Bücherei 1935 von den nationalsozialistischen Machthabern in eine „Volksbücherei“ umgewandelt und in die Verantwortung der Gemeinde übergeben wurde. Eine Neugründung des Lesevereins nach dem Krieg fand nicht mehr statt.[5]

Entstehung der WaldbühneBearbeiten

Der Spielleiter des Sigmaringendorfer Theatervereins, Josef Wintergerst, kam nach dem Besuch der Hohentwiel-Festspiele in Singen auf die Idee, auch in Sigmaringendorf eine Freilichtbühne zu bauen. In freiwilliger Arbeit der Vereinsmitglieder entstand diese im Jahre 1928 und wurde, noch im selben Jahr, mit dem Drama Der arme Heinrich von Gerhart Hauptmann eingeweiht. Von da an führte der Sigmaringendorfer Theaterverein bis 1939 mit Ausnahme des Jahres 1938 jährlich ein Theaterstück auf.[6] Der Chronist der Gemeinde Sigmaringendorf beschreibt die Entstehung:
„Mitglieder des Theatervereins hatten schon wochenlang, hauptsächlich in ihrer Freizeit, voll Idealismus an der Anlage einer Freilichtbühne in der ehemaligen Kiesgrube am Aufgang zum Steighau gearbeitet. Als erstes Stück wurde auf dieser Freilichtbühne (…) das Drama Der arme Heinrich von Gerhart Hauptmann aufgeführt. Die Zahl der Besucher nahm immer mehr zu. Sowohl das Spiel wie auch die Bühne hatten von Seiten der jeweils großen Zuschauermenge reiche Anerkennung gefunden.“
– Chronik der Gemeinde Sigmaringendorf, S. 424

Die allererste FreilichtaufführungBearbeiten

Die Zeit der Freilichtaufführungen in Sigmaringendorf begann jedoch streng genommen nicht erst 1928 mit der Inbetriebnahme der Waldbühne: Unterstützung und Begeisterung für das Projekt hatten die Mitglieder des Theatervereins in der Bevölkerung bereits im Jahre 1926 geweckt, als auf der Festwiese von Sigmaringendorf, nur wenige Meter vom späteren Standort der Waldbühne entfernt, der Rütlischwur aus Schillers Wilhelm Tell aufgeführt wurde. Die Aufführung fand im Rahmen des 51. Gauturnfestes des Turngaus Hohenzollernstatt und lockte zu später Stunde, gegen 22 Uhr, über 1000 Zuschauer an den Ort des Geschehens.[7] Der Erfolg dieser Aufführung überzeugte die Skeptiker in der Gemeinde, die ursprünglich wenig Verständnis für den Bau einer Freilichtbühne aufbringen wollten, wie die Reaktion des damaligen Bürgermeisters August Stecher auf Wintergersts Vorschlag zeigt:
„Des goht doch it, wo wellet ihr au do da Vorhang na macha?“
– August Stecher[8]
In den ersten Jahren der Waldbühne wurden vor allem klassische Theaterstücke aufgeführt, die bekanntesten waren Schillers Braut von Messina, Goethes Faust und Götz von Berlichingen. Bereits im Jahre 1931 war die technische Ausstattung der Bühne soweit gediehen, dass erstmals Nachtaufführungen bei künstlicher Beleuchtung stattfinden konnten. Sappho von Franz Grillparzer stand in jenem Jahr auf dem Spielplan.[6]

Nationalsozialismus und KriegszeitBearbeiten

Im Jahre 1934 wurde der Verein von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet, das geplante Stück Die versunkene Glocke (erneut ein Hauptmann-Werk) wurde verboten, stattdessen beschloss die neue Vereinsführung, das Stück Im weißen Rößl aufzuführen. Ein Jahr später kam Die versunkene Glocke dann aber doch zur Aufführung. Die Instrumentalisierung des Sigmaringendorfer Theatervereins durch die nationalsozialistischen Machthaber sorgte für heftige interne Querelen. Versammlungsprotokolle von 1937 und 1938 berichten von heftigen Wortgefechten, Vereinsaustritten und Amtsniederlegungen, die zur Folge hatten, dass im Jahr 1938 keine Aufführungen stattfanden. Ein Jahr später hatte sich jedoch wieder eine friedliche Spielerschar zusammengefunden und die Querelen beigelegt, sodass der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. Das Spieljahr 1939 war mit 7000 Besuchern das bis dahin erfolgreichste Jahr der Sigmaringendorfer Waldbühne. Zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte der Bühne war der Zuschauerandrang so groß, dass mehreren hundert Besuchern der gewünschte Eintritt aus Platzgründen verweigert werden musste. Noch im selben Jahr jedoch erhielten die ersten Schauspieler den Stellungsbefehl und wurden zum Militär eingezogen, sodass die Spielzeit nicht zu Ende geführt werden konnte. Der Betrieb der Waldbühne ruhte ab dieser Zeit während des gesamten Zweiten Weltkriegs. Die Waldbühne wurde in den Kriegsjahren zwar für kommunale Veranstaltungen genutzt, gleichzeitig jedoch auch immer wieder demoliert und geplündert, wohl vor allem für Brennholz und Reparaturen an eigenen Häusern.[6][9]

NeuanfangBearbeiten

Geplündert und zerstört präsentierte sich die Waldbühne nach dem Krieg. Den Verein, der bis dahin die Bühne betrieben hatte, gab es nicht mehr. Schließlich war es erneut Josef Wintergerst, der die Neugründung des Vereins betrieb und am 19. Februar 1949 schließlich vollenden konnte. Am 2. Juli genehmigte dann auch die französische Militärverwaltung den Theaterverein Sigmaringendorf, gerade noch rechtzeitig, dass im selben Jahr der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden konnte.[10] In Anlehnung an den Beginn des Freilichttheaters in Sigmaringendorf im Jahre 1926 wurde erneut Wilhelm Tell aufgeführt. Die Aufführungen fanden in Ermangelung einer Beleuchtungsanlage bei Tageslicht statt, Zuschauer und Spieler mussten mit improvisierten Barackenlösungen zurechtkommen, für eine bauliche Wiederherstellung hatte zunächst das Geld gefehlt. Schon ab 1950 jedoch konnten auch wieder Nachtaufführungen durchgeführt werden. Die Waldbühne erlebte in den 1950er Jahren einen großen Aufschwung. Erstmals wurden massive Werbemaßnahmen durchgeführt und neben der damals ungeheuren Zahl von 1300 Plakaten auch Sonderzüge aus Hechingen und Ebingen eingesetzt.[6]

Ausweitung der NutzungBearbeiten

Der Zuschauerraum der Waldbühne
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Waldbühne baulich deutlich erweitert, um den steigenden Anforderungen an Komfort und Planungssicherheit Rechnung zu tragen. In diese Zeit fallen die zunächst teilweise, später vollständige Überdachung des Zuschauerraums, der Bau eines Souffleurgrabens und der Ausbau der technischen Anlagen im Bereich Licht- und Tontechnik. So ausgerüstet wurde die Bühne vielseitiger und konnte immer besser auch für Veranstaltungen außerhalb des Theaterbetriebs genutzt werden.[11]

Parallele Nutzung der BühneBearbeiten

Seit 1979 wird die Bühne nicht mehr nur für ein Theaterstück genutzt. Der Theaterverein Sigmaringendorf gründete in diesem Jahr eine Jugendgruppe, die von da an jährlich, parallel zum sogenannten „Erwachsenenstück“ ein Kinderstück aufführte. Dies verschärfte natürlich die Anforderungen an den Bühnenbau, da nun zwei Stücke parallel auf ein und derselben Bühne dargebracht werden mussten. Der Anstoß zur Gründung einer Kinder- und Jugendgruppe lag im Spielstück des Vorjahres begründet: 1978 führte der Theaterverein Zuckmayers Drama Der Rattenfänger auf. Darin zog der Schauspieler Gerold Rebholz als Rattenfänger mit einer Gruppe Kindern aus der Stadt. Diese Kindergruppe war es im Wesentlichen, die im Folgejahr unter der Leitung desselben Gerold Rebholz das erste Kinderstück in Sigmaringendorf präsentierte: Erich Kästners Emil und die Detektive. Rebholz blieb bis zum Jahre 2007 Spielleiter der Kinder- und Jugendgruppe.[12][13]

Kirchliche und politische EinflussnahmeBearbeiten

Durch die Öffentlichkeitswirkung der Waldbühne sahen sich deren Betreiberverein und die dort agierenden Schauspieler wiederholt Versuchen politischer oder kirchlicher Einflussnahme ausgesetzt. Neben der Absetzung des Stückes Die versunkene Glocke 1934 durch die Nationalsozialisten gab es auch weitere Versuche, auf die Stückwahl und Gestaltung von außen einzuwirken. 1931 versuchten kirchentreue Bürger, einen Schauspieler von der Mitwirkung an Grillparzers Sappho abzubringen, da es sich in ihren Augen um ein unzüchtiges Stück handelte. Die Bedenken der kirchlichen und örtlichen Würdenträger konnten damals aber durch eine öffentliche Probe unter Teilnahme des Ortspfarrers und des Bürgermeisters ausgeräumt werden. Zwei Jahre später kam der Angriff aus der Gegenrichtung: Anlässlich des außerordentlichen Heiligen Jahres 1933 wurde die Aufführung des Stückes Die Andacht zum Kreuz von Pedro Calderón de la Barcabeschlossen. Die in Sigmaringendorf durch die Arbeiterschaft der Fürstlich Hohenzollerischen Hüttenwerke Laucherthal traditionell starke Kommunistische Parteihängte öffentlich eine rot umrandete „Gratulation zur Stückwahl“ aus, in welcher Spielleiter Josef Wintergerst „Verrat an den Interessen der Arbeiterschaft“ und „Freund- und Gönnerschaft zur Kirche“ vorgeworfen wurde. In der Hohenzollerischen Volkszeitung veröffentlichte Wintergerst am 9. Februar 1933 eine Entgegnung, in der er sich zu den Prinzipien christlichen Glaubens bekannte. Das Stück wurde wie geplant aufgeführt. Erfolgreicher war die Einflussnahme der Kirche im Jahre 1955, als die Streichung des geplanten Stückes Der Pfarrer von Kirchfeld von Ludwig Anzengruber erreicht wurde, der Klerus sah sich in diesem Stück verunglimpft. Ein wenig obrigkeitliche Bedenken kamen dann nochmals im Jahre 1982 auf, als das Stück Stokkerlok und Millipilli von Rainer Hachfeld und Volker Ludwig als Kinderstück aufgeführt wurde. Da sich in diesem Stück Kinder über einen Uniformierten lustig machen („Es ist verboten, zu verbieten!“) wurde in einigen Kindergärten und Schulen des Kreises darüber diskutiert, ob Kindern tatsächlich der Besuch dieses Stückes empfohlen werden könne. Aber auch wenn schließlich eine Glosse der Lokalzeitung zum Schluss kam, dass hier „wohl kaum eine sittliche Gefährdung der Kinder beim Theaterbesuch eintreten würde“[14], sollte dieses Werk doch als das am schwächsten besuchte Stück in der Geschichte des Kindertheaters auf der Waldbühne in deren Geschichte eingehen.[6]

Infrastruktur der Bühne heuteBearbeiten